Die Andere Literaturkritik - eine Publikumsdiskussion
im Literatursalon zu Alfred Andersch "Die Rote"



am Samstag 15.3.08, Kammertheater Der Kleine Bühnenboden

Der Literatursalon ist ein neues monatliches Projekt im Kleinen Bühnenboden, einem avantgardistischen Theater in Münster nahe der Wolbeckerstraße. Im kleinen Kreis des Theaterpublikums wurde der Nachkriegsautor Alfred Andersch gemeinsam gelesen und diskutiert, es wurde versucht seinen Lebensentwurf zu verstehen, sein schriftstellerisches Vorgehen zu erklären und seine möglicherweise nicht mehr zeitgemäßen Vorstellungen vom Verhältnis der Geschlechter.
Zwei Stunden gemeinsamer Lektüre quer durch seinen Roman "Die Rote" und Auszüge aus "Sansibar" und "Kirschen der Freiheit" können nur einen unvollständigen Eindruck vom Werk des Schriftstellers vermitteln, und die Einstiegsfrage in die Diskussion nach dem ersten Eindruck offenbart erstmal etwas "Verwirrung über zuviel Information" (Pamela), was vom zweiten Diskussionsbeitrag bereits spezifiziert wird mit "zuviel Kunsttheorie" (Jörg). Dann kommt ein Musiker zu Wort, der die Dinge bereits anders sieht, er fand, es gab da "süße Dialoge" zwischen einem Paar, in denen er sich selbst wiedererkannte. Süß ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn immerhin geht es um den Algerienkrieg und politischen Mord, den einer der beiden Liebenden fürchtet, jedoch ist deren Gespräch allerdings bemerkenswert offen und intensiv, und Musiker haben sowieso andere Ohren.

                   
Die Fortsetzung der Schilderung des ersten Eindrucks beim Publikum erweist sich als zunehmend konkret, auch wenn die Konkretheit des Gesprächsgegenstands vorerst bemängelt wird, was darauf hindeutet, daß man, mit Unsicherheit beginnend, diese im Laufe der Diskussion verlieren wird. Helga ist "irritiert von lauter unfertigen Personen, die sich auf einem Entwicklungsweg befinden". Hella bemängelt das "Ziellose, die fehlende Konsequenz bei Andersch", und stellt fest, "daß die Menschen offenbar einen Neuanfang suchen". Sandra geht noch weiter, sie findet es sogar positiv, denn "bei den unfertigen Personen kann man sich selber was dazu denken", und Roswitha kritisiert Anderschs Distanziertheit als "klischeehaft und oberflächlich", sie vermißt die "Tiefe" in der Darstellung.
Nun hat man sich warm diskutiert, und man bekommt den Eindruck, daß diese Runde aus normalerweise nur zum Zuhören "verdammten" (Sartre) Mitmenschen eine interessante Literaturkritik lostreten könnten - wenn man sie nur ließe! Wenn man sie nur reden ließe, und einander zuhören, und ihre Redebeiträge festhielte - was der Moderator auf einer alten Schultafel bereits tut. Und es wird jeder Beitrag so moderiert, daß ein substanzielles Ergebnis herauskommt, denn niemand hat nichts zu sagen, eine komprimierte Diskussionsatmosphäre läßt sich herstellen, und das Publikum läßt sich in dieser Art sprachlichen Dichte einbinden. Ich - um an dieser Stelle den Moderator zu Wort kommen zu lassen - habe etliche Kommentare zu Andersch gelesen und auch einige Diskussionen dieser Art geführt; dabei hat sich erwiesen, daß häufig neue, noch nirgends erwähnte Deutungsaspekte zur Sprache kommen, aber auch Grundzüge der bekannten Kritik hier von neuem erarbeitet werden.
So wurde die Frage, warum Andersch den Schluß seines Romans Die Rote nach 10 Jahren geändert hat, ausgiebig diskutiert (1. Fassung 1962, geändert 1972). Jörg meinte, mit dem romantischen Schluß sei der Roman überfrachtet, und der offene, geänderte Schluß solle die Unfertigkeit der Personen betonen. Hella fand, ein solcher Schluß passe zum Lebensgefühl der 60iger Jahre, aber Jörg widersprach, das passe sehr gut zur heutigen Zeit, denn in der heutigen Postmoderne seien die Menschen alle "unvollendet" (ein schönes Bild!). Der notwendige Widerspruch Roswithas, daß Andersch aufgrund seiner Biografie seine Zeit nicht verstehe und eine altmodische Vorstellung vom Geschlechterverhältnis habe, intensiviert die Diskussion. Pamela greift Roswithas Hinweis auf Krieg und Desertation auf und glaubt, die nach dem Krieg gewonnene existenzielle Freiheit reiche eben nur zur Flucht. Und da Flucht das bei Andersch vorherrschende Thema ist, kreisen die Gedanken zunehmend um sein wichtigstes Anliegen, die Freiheit wegzugehen, so wie er 1944 in Italien zu den Amerikanern übergelaufen ist (wofür er im Nachkriegsdeutschland übrigens heftig angefeindet wurde) und 1958 aus Deutschland in die Schweiz emigrierte, was gerade wegen des nicht mehr Vorhandenseins eines totalitären Regimes die Frage aufwirft, wie repressiv denn die Adenauerära mit den unzähligen Altnazis in Ämtern und Würden wirklich war? Oder die Frage sich stellt, wie empfindlich ein Schriftsteller sein darf, der andere durchaus deutlich zu kritisieren versteht?
Statt das Für und Wider und Warum und Wieso dieses Schriftstellerlebens und seines Werkes in meinem Kritikerkopf zu erwägen, halte ich es für demokratischer und auch erkenntnisreicher, dies anhand der Diskussion einer literarisch interessierten Runde vorzuführen. So könnte man sagen, es fehle bei Anderschs dauernder Flucht das Konzept oder Ziel (Pamela), und er drehe sich im Kreis (Gabriel). Tatsächlich führt diese permanente Flucht sogar zu einer Ausweglosigkeit, der man gar nicht entfliehen kann, also ein Widerspruch in sich (Hella), und wenn man sich trotzdem weiter mit diesem beredten Flüchtling beschäftigt, weil man merkt, daß er echt was zu sagen hat, dann - ja, dann ärgert man sich (Helga) - bitte, liebe Leser, die ihr nicht in dieser Runde saßt, versucht diesem Tempo zu folgen, denn schon wendet sich die Stimmung: Jörg, ein hoffnungsvoller junger Poet und Anhänger des Social Beat, meint, er finde diese permanente Unzufriedenheit Anderschs richtig klasse! Roswitha sieht das aber ganz anders, es fehlen die positiven Texte und Emotionen, vielleicht weil er zu kaputt ist; worauf Helga versucht, mit der Reife ihres Alters ein milderes Fazit zu ziehen: Andersch zermürbe sich auf diese Weise und den Leser gleich mit. Darauf Jörg mit dem Recht einer jüngeren Generation, "die Perspektivlosigkeit und Alternativlosigkeit paßt zu uns heute, ich finde mich total wieder" ... sehr schön, denkt der Moderator, um es später hier zu schreiben, dein Heute ist bald gestern, und Anderschs Heute mag zufällig auch heute für die Hartz-4-Generation gelten oder bei den Punks in den 80ern, aber statt von Andersch eine andere Schreibe zu verlangen, können wir froh sein, daß er unsere Gemüter so erhitzt. Sandra erkennt das Dilemma und stellt verbindlich fest, daß Anderschs Flucht sinnlos sein mag, aber sie gebe ein Gefühl von Freiheit. In der Tat, ich glaube daß Andersch ebenso dachte, als er die "Kirschen der Freiheit", seinen ersten Roman schrieb, denn eigentlich sind diese Kirschen eine solche Geringfügigkeit, daß sie nur symbolischen Wert haben, und das ist wiederum sehr viel. Sind wir jetzt also bei der "heroischen Freiheit", die deswegen so faszinierend ist, weil ihr Trotz und Eigensinn jedem Verstand Hohn spricht? Damit hätten wir jedenfalls die schönste Idee des Existenzialismus verstanden.
Nun hat Andersch also bei jedem in diesem Kreis etwas bewegt, einige beziehen eine festere Position gegenüber Andersch, teils ist ihre Kritik hart oder milde oder positiv. Roswitha kann allenfalls Anderschs Lebensentwurf und künstlerische Kraft in "Sansibar" akzeptieren, Helga vermißt die Reflexion in seiner kalten, versachlichten Ausdrucksweise, Hella schlägt vor ihn aus seiner Biografie zu verstehen, Sandra findet ihn glaubwürdig bis ins ganz Persönliche, Jörg aber ist begeistert von seiner Sachlichkeit statt Emotionalität. Das verständnisvolle Schlußwort kommt von Pamela: Andersch sollte verweilen! So?
Als Moderator frage ich mich nun, wieviel ist gewonnen durch eine Literaturdiskussion, bei der alle ein bißchen was beitragen, während ein einzelner Literaturkritiker dasselbe doch viel geschickter aufgebaut und flüssiger formuliert hätte, und vor allem stünde nur ein Name drunter, während wenn ich meinen Namen drunter schreibe, dies höchstens als Protokollant geschehen kann. Aber diese Diskussionen und Literatursalons sind tatsächlich ergiebiger als die meisten literarischen Kommentare, die ich so lese, es wird nicht geschwafelt und und sich verstiegen, weil die wachen Mitkritiker ein optimales Korrektiv sind. Das ist also der Abschied von der Kritiker-Diktatur.

                                                                                                                                                            Herrmann Cropp